Im Rahmen der Recherche zur Lösung eigener gesundheitlicher Einschränkungen habe ich mich tief in die Auswertung aktueller Studien zum Thema “ADHS und sich evtl. daraus ergebenden Erkrankungen” gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass es viele aktuelle Studien und Untersuchungen gibt, die den Verdacht aufwerfen, dass ADHS scheinbar deutlich über “Aufmerksamkeitsprobleme und zu hohe Impulsivität” hinaus geht.
Hier deshalb die Ergebnisse bezogen auf die Thematik aus der Überschrift.
Hier zunächst eine stichpunktartige Zusammenfassung für alle, die es gerne “kurzgefasst” mögen:
ADHS geht über Konzentrationsprobleme hinaus – das „Somatische Super-Syndrom”
- Kernaussage: ADHS zeigt sich oft nicht nur psychisch, sondern auch durch vielfältige körperliche Beschwerden
- Das Modell von Dr. Kustow beschreibt gehäuftes gemeinsames Auftreten von ADHS mit:
- Hypermobilität und Bindegewebsbesonderheiten
- Dysautonomie (Störung des autonomen Nervensystems)
- Immunologischen Auffälligkeiten und Autoimmunität
- Typische körperliche Symptome bei ADHS:
- Chronische Erschöpfung und diffuse Schmerzen
- Schwindel und Kreislaufprobleme (z.B. POTS)
- Magen-Darm-Beschwerden
- Schlafstörungen
- Sensorische Überempfindlichkeit
- Allergien und Mastzellaktivierung
- Wichtig zu wissen:
- Keine offizielle Diagnose, sondern klinisches Arbeitsmodell
- Hilft, Zusammenhänge zu verstehen
- Ersetzt keine ärztliche Diagnostik
- Praktische Bedeutung:
- Körperliche Beschwerden bei ADHS sollten ernst genommen werden
- Gezielte medizinische Abklärung ist sinnvoll
- Erklärt, warum ADHS-Betroffene oft umfassender belastet sind als nur „im Kopf”
- Fazit: Das Modell bildet die Lebensrealität vieler Betroffener besser ab und kann helfen, bisher übersehene körperliche Begleiterkrankungen zu erkennen
Hier geht es zum ausführlichen Artikel
Das „Somatische Super-Syndrom“ nach Kustow
ADHS wird meist vor allem mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität, innerer Unruhe und Problemen der Selbstregulation verbunden. Dr. James Kustow, ein auf ADHS spezialisierter Psychiater, weist jedoch darauf hin, dass viele Betroffene zusätzlich unter körperlichen Beschwerden leiden, die in der üblichen Versorgung oft zu wenig beachtet werden.
Mit dem Begriff „Somatisches Super-Syndrom“ beschreibt Kustow ein klinisches Modell, das diese körperlichen und neuropsychiatrischen Zusammenhänge besser verständlich machen soll. Gemeint ist damit keine einzelne Erkrankung, sondern ein Muster, bei dem ADHS gemeinsam mit bestimmten körperlichen Auffälligkeiten gehäuft auftreten kann.
Was damit gemeint ist
Im Zentrum von Kustows Modell steht die Beobachtung, dass sich bei einem Teil der Menschen mit ADHS mehrere Belastungsbereiche überschneiden. Dazu gehören vor allem Hypermobilität und Bindegewebsbesonderheiten, Dysautonomie sowie immunologische Überempfindlichkeiten oder Autoimmunität.
Außerdem werden in diesem Zusammenhang häufig Beschwerden wie Erschöpfung, diffuse Schmerzen, Schwindel, Kreislaufprobleme, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen und sensorische Überempfindlichkeit genannt. Kustow beschreibt diese Symptome nicht als zufällige Einzelprobleme, sondern als mögliches zusammenhängendes Muster.
Warum das für ADHS wichtig ist
Für viele Betroffene ist diese Sichtweise entlastend, weil sie erklärt, warum ADHS sich im Alltag nicht nur „im Kopf“, sondern oft auch deutlich körperlich bemerkbar machen kann. Wer zusätzlich mit Fatigue, Schmerz, Reizüberflutung oder Kreislaufproblemen lebt, erlebt die Belastung oft wesentlich umfassender, als es eine rein psychologische Beschreibung von ADHS erfassen würde.
Auch Übersichten zu somatischen Komorbiditäten bei ADHS zeigen, dass körperliche Begleiterkrankungen bei ADHS keine Randerscheinung sind. Genannt werden dort unter anderem häufiger auftretende Schlafprobleme, Schmerzen, Allergien, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden und Erkrankungen des Bewegungsapparats.
Welche Zusammenhänge diskutiert werden
Kustows Modell verbindet ADHS mit drei großen körperlichen Bereichen. Erstens geht es um Hypermobilität und Bindegewebsveränderungen, wie sie etwa bei HSD oder hypermobilem Ehlers-Danlos-Syndrom vorkommen können.
Zweitens spielt die Dysautonomie eine wichtige Rolle, also eine Störung des autonomen Nervensystems. Dazu können Beschwerden wie Herzrasen beim Aufstehen, Schwindel, Belastungsintoleranz oder Symptome im Sinne eines POTS gehören.
Drittens werden immunologische und entzündliche Prozesse diskutiert, darunter Allergien, Mastzellaktivierung und Autoimmunität. Nach Kustow und neueren Fachbeiträgen könnte gerade das Zusammenspiel aus Bindegewebe, autonomer Regulation und Immunfunktion helfen, bestimmte körperliche Belastungsmuster bei ADHS besser zu verstehen.
Wichtige Einordnung
Wichtig ist: Das „Somatische Super-Syndrom“ ist keine offizielle medizinische Diagnose aus ICD oder DSM. Es handelt sich um ein klinisches Arbeitsmodell, mit dem Kustow häufige Überschneidungen zwischen ADHS und körperlichen Beschwerden beschreiben will.
Das Modell kann helfen, Erfahrungen von Betroffenen besser einzuordnen und gezielter nach Begleiterkrankungen zu fragen. Es ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnostik und bedeutet nicht, dass jede körperliche Beschwerde bei ADHS automatisch Teil dieses Musters ist.
Was Betroffene daraus mitnehmen können
Für Betroffene kann der Ansatz hilfreich sein, wenn sie sich mit ihren körperlichen Beschwerden lange nicht ernst genommen gefühlt haben. Symptome wie chronische Erschöpfung, Schmerzen, Schwindel, Magen-Darm-Probleme, starke Reizempfindlichkeit oder ungewöhnliche Gelenkbeweglichkeit sollten nicht vorschnell als „unspezifisch“ abgetan werden.
Gerade bei ADHS kann es sinnvoll sein, körperliche Begleiterkrankungen mitzudenken und gegebenenfalls gezielt medizinisch abklären zu lassen. Das gilt besonders dann, wenn zusätzlich zu den ADHS-Symptomen deutliche Kreislaufprobleme, ausgeprägte Müdigkeit, Allergieneigung, Schmerzsyndrome oder Hinweise auf Hypermobilität bestehen.
Unsere Einschätzung als Selbsthilfegruppe
Das Modell von Kustow ist aus unserer Sicht vor allem deshalb interessant, weil es die Lebensrealität vieler Betroffener besser abbildet als ein rein verhaltensbezogener Blick auf ADHS. Viele Menschen mit ADHS berichten nicht nur über Konzentrationsprobleme, sondern auch über einen Körper, der schnell überlastet, empfindlich oder instabil reagiert.
Gleichzeitig ist uns eine sachliche Einordnung wichtig. Das „Somatische Super-Syndrom“ ist ein hilfreicher Denkansatz, aber keine fest etablierte Standarddiagnose. Wer sich in der Beschreibung wiedererkennt, sollte körperliche Symptome ernst nehmen und medizinisch abklären lassen.
Kurzer Hinweis
Dieser Beitrag dient der Information und dem Erfahrungsaustausch in der Selbsthilfe. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
Quellen und weiterführende Literatur
Die hier vorgestellte Perspektive auf das „Somatische Super-Syndrom“ nach Dr. James Kustow basiert auf seinen eigenen Vorträgen und Veröffentlichungen sowie auf aktuellen Übersichten zu somatischen Komorbiditäten bei ADHS. Die folgende Auswahl dient als Einstieg in das Thema und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Quellen und weiterführende Literatur
- Kustow, J.:
Somatic Super Syndrome – Unmasking the Somatic Super Syndrome and its Neuropsychiatric Signature.
Online-Fortbildung / Talk, The Grove Practice (UK), 2024.
Verfügbar unter: https://the-grove-practice.teachable.com/p/somatic-super-syndrome-with-dr-james-kustow-840723 - Kustow, J.:
Hypermobility, immune dysfunction and dysautonomia cluster in ADHD – a somatic super-syndrome.
Abstract / Konferenzbeitrag, European Psychiatry, 2025.
Zusammenfassung u. a. unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12437428/ - ADHD Women’s Wellbeing Podcast – Interview mit Dr. James Kustow:
A Ground-Breaking Understanding on ADHD, Hypermobility and the Mind-Body Connection.
Podcast und Begleittext, 2025.
Verfügbar unter:
https://www.adhdwomenswellbeing.co.uk/adhd-podcast/ep251-ground-breaking-understanding-on-adhd - Spoonful of Sugar Coaching:
Understanding the Somatic Super-Syndrome – Dr. James Kustow’s 3-S model.
Blogartikel, 2025.
Verfügbar unter: https://www.spoonfulofsugarcoaching.com/blog/somaticsupersyndrome - ADxS.org – Das Projekt ADxS:
Somatische Komorbiditäten bei ADHS.
Online-Artikel, 2026.
Verfügbar unter: https://www.adxs.org/de/page/171/somatische-komorbiditaeten-bei-adhs - ADxS.org – Das Projekt ADxS:
Komorbidität bei ADHS – Einführung.
Online-Artikel, 2026.
Verfügbar unter: https://www.adxs.org/de/page/608/komorbiditaet-bei-adhs-einfuehrung - Neuromedizin.de:
ADHS geht oft mit chronischen und somatischen Komorbiditäten einher.
Fachbericht, 2023.
Verfügbar unter:
https://www.neuromedizin.de/Neuropaediatrie/ADHS-geht-oft-mit-chronischen-und-somatischen-Komorbiditaete.htm - Springermedizin.de:
Psyche und Soma bei ADHS.
Fachartikel, 2024.
Verfügbar unter:
https://www.springermedizin.de/degenerative-erkrankungen/adipositas/psyche-und-soma-bei-adhs/23144388 - ADHS Deutschland e. V.:
ADHS und somatische Komorbiditäten.
Symposiumsfolien / PDF, 2024.
Verfügbar z. B. über: https://adhs-deutschland.de (Rubrik „Aktuelles“ / Fachvorträge) - Gemeinsam-ADHS-begegnen.de:
Weitere Symptome & Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ADHS.
Online-Artikel, 2026.
Verfügbar unter:
https://gemeinsam-adhs-begegnen.de/was-ist-adhs/symptome/erwachsene/weitere-symptome/



Jede/r ADHSler:in kennt die Begrifflichkeiten, und ob jemand dann mit H, ohne H oder mit der gemischten Form unterwegs ist, macht regelmäßig in der Größenordnung der Problemstellungen keinen Unterschied. Auf unseren Seiten sind dementsprechend immer beide und auch die gemischte Variante gemeint, wenn es nicht speziell um eine der Möglichkeiten geht.