Warum Zahngesundheit bei ADHS besondere Aufmerksamkeit braucht – und was Betroffene tun können.
Dass ADHS Auswirkungen auf die Schule, den Beruf oder das Sozialverhalten hat, ist den meisten bekannt. Weniger geläufig, aber medizinisch ebenso relevant, ist der Einfluss der Neurodivergenz auf die Zahngesundheit. Aktuelle Studien zeigen eindeutig: Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS haben ein signifikant höheres Risiko für Zahnprobleme.
Dieser Artikel fasst die aktuelle Studienlage zusammen und gibt Tipps für den Alltag.
Was die Wissenschaft sagt: Das erhöhte Risiko
Es ist kein Zufall, wenn Zähneputzen zum Kampf wird oder Löcher häufiger auftreten als bei anderen. Die Forschung spricht hier eine klare Sprache. Eine umfassende Meta-Analyse aus dem Jahr 2022, die 13 internationale Studien auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit, Karies zu entwickeln, bei Kindern mit ADHS 3,3-mal höher ist als bei Kindern ohne ADHS.[1]
Auch deutsche Daten bestätigen dies. Eine Studie der Universität Jena zeigte bei ADHS-Kindern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe:[3]
- Häufigere Verletzungen: 25 % der ADHS-Kinder hatten Zahntraumata (z. B. abgebrochene Frontzähne durch Unfälle), verglichen mit nur 11 % der Kontrollgruppe.
- Kieferorthopädie: 38 % benötigten eine kieferorthopädische Behandlung (vs. 21 %).
- Entzündungen: Es zeigten sich häufiger Zahnfleischentzündungen, oft unabhängig davon, wie viel Plaque vorhanden war.
Die drei großen Probleme: Karies, Knirschen, Zahnfleisch
1. Karies und Mundhygiene
Studien zeigen durchgängig, dass Menschen mit ADHS häufiger von Karies betroffen sind. Dies liegt oft nicht am fehlenden Willen, sondern an den Kernsymptomen der ADHS:
- Aufmerksamkeitsdefizit: Das routinemäßige Zähneputzen wird schlicht vergessen oder vorzeitig abgebrochen, weil die Gedanken abschweifen.
- Motorik: Gerade bei Kindern kann die Feinmotorik beeinträchtigt sein, was das effektive Putzen erschwert.
- Ernährung: Der „Dopamin-Hunger“ des ADHS-Gehirns führt oft zu einem instinktiven Verlangen nach zuckerhaltigen Snacks und Getränken (Stimulation).[21]
2. Bruxismus (Zähneknirschen)
Ein sehr häufiges Phänomen bei ADHS ist das Zähneknirschen, sowohl nachts als auch tagsüber. Die Prävalenz liegt bei ADHS-Patienten laut einigen Studien bei über 50 %.[10] Dies führt zu abgeriebenen Zähnen, Kiefergelenksbeschwerden und Spannungskopfschmerzen. Stress, aber auch die Medikation, können dies verstärken.
3. Parodontitis und Entzündungen
Neuere Forschungen, darunter eine große Studie aus Taiwan, deuten darauf hin, dass ADHS auch ein unabhängiger Risikofaktor für Parodontitis (Zahnbettentzündung) ist.[7] Es wird vermutet, dass neben der Hygiene auch systemische Entzündungswerte im Körper eine Rolle spielen, die bei ADHS oft erhöht sind.
Die Rolle der Medikamente
Medikamente wie Methylphenidat (z. B. Ritalin, Medikinet) oder Amphetamine sind für die Behandlung von ADHS oft essenziell, haben aber eine wichtige Nebenwirkung für die Zähne: Xerostomie (Mundtrockenheit).
Stimulanzien reduzieren den Speichelfluss. Speichel ist jedoch unser wichtigster natürlicher Schutz gegen Karies, da er Säuren neutralisiert und Mineralien liefert. Fehlt der Speichel, haben Bakterien leichtes Spiel.
Was Eltern und erwachsene Betroffene tun können
Das Wissen um diese Risiken soll keine Angst machen, sondern ermöglichen, gezielt gegenzusteuern. Hier sind evidenzbasierte Strategien für den Alltag:
Für den Alltag zu Hause
- Routine statt Willenskraft: Verbinden Sie das Zähneputzen mit einer Tätigkeit, die ohnehin stattfindet (z. B. direkt nach dem Duschen). Visualisierungen (Apps, Pläne) helfen gegen das Vergessen.
- Das richtige Werkzeug: Elektrische Zahnbürsten oder Schallzahnbürsten nehmen einen Teil der motorischen Arbeit ab und haben oft eingebaute Timer.
- Wasser trinken: Wer Medikamente nimmt, sollte viel Wasser trinken, um den Mund feucht zu halten. Kaugummis (zuckerfrei, mit Xylit) regen den Speichelfluss an.
- Nachspülen: Nach der Einnahme von Medikamenten oder zuckerhaltigen Snacks den Mund kurz mit Wasser ausspülen.
Beim Zahnarzt
- Offenheit: Informieren Sie das Praxisteam über die ADHS-Diagnose und die Medikamente.
- Kürzere Intervalle: Statt den üblichen 6 Monaten kann ein Rhythmus von 3 bis 4 Monaten für die professionelle Zahnreinigung (PZR) sinnvoll sein, um Putzdefizite auszugleichen.
- Versiegelung: Fragen Sie nach Fissurenversiegelungen oder Fluoridlacken zum Schutz der Zähne.
- Terminplanung: Legen Sie Zahnarzttermine in die Zeit, in der die Medikation optimal wirkt, um stillsitzen und kooperieren zu erleichtern.
Fazit
Menschen mit ADHS müssen für ihre Zahngesundheit oft härter arbeiten als neurotypische Menschen. Die Kombination aus exekutiven Funktionsstörungen, Medikamentennebenwirkungen und sensorischen Besonderheiten macht die Mundpflege zu einer Herausforderung. Mit dem richtigen Wissen, engmaschigerer zahnärztlicher Betreuung und verständnisvollen Routinen lässt sich das Risiko jedoch gut managen.
Quellenverzeichnis: Zähne und ADHS allgemein
- [1] Drumond et al. (2022):Â Systematic Review and Meta-analysis of the Association between Attention Deficit Hyperactivity Disorder and Dental Caries.
Hier zur Studie (PubMed) - [2] Chau et al. (2020):Â Oral health of children with attention deficit hyperactivity disorder: systematic review and meta-analysis.
Hier zur Studie (PubMed) - [3] Universität Jena / IWW Institut: Kinderzahnheilkunde: ADHS-Kinder in der Praxis – Erhöhtes Zahn-Risiko.
Hier zum Fachartikel (IWW) - [7] Li et al. (2024):Â Association between ADHD and Periodontitis: A Population-Based Study.
Hier zur Studie (Sage Journals) - [10] Souto-Souza et al. (2011):Â Is there an association between sleep bruxism and ADHD? A systematic review.
Hier zur Studie (Wiley Online Library) - [21] Karolinska Institutet / Örebro University (2020): ADHD is related to high sugar and unhealthy diets.
Hier zur Pressemitteilung der Studie



Jede/r AD(H)Sler:in kennt die Begrifflichkeiten, und ob jemand dann mit H, ohne H oder mit der gemischten Form unterwegs ist, macht regelmäßig in der Größenordnung der Problemstellungen keinen Unterschied. Auf unseren Seiten sind dementsprechend immer beide und auch die gemischte Variante gemeint, wenn es nicht speziell um eine der Möglichkeiten geht.