Warum Implantate bei ADHS gut geplant sein müssen – von Medikamenteneinfluss bis Zähneknirschen.
Wenn ein Zahn verloren geht, ist das Implantat oft die ästhetisch und funktional beste Lösung. Doch für Menschen mit ADHS ist der Weg zum festen Zahnersatz steiniger als für andere. Aktuelle Studien zeigen: Es gibt biologische und verhaltensbedingte Faktoren, die das Risiko für Probleme erhöhen. Bedeutet das, dass Implantate für ADHS-Betroffene tabu sind? Nein – aber sie erfordern eine deutlich intensivere Planung und Pflege.
Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe und gibt Tipps für das Gespräch mit dem Zahnarzt.
Das erhöhte Risiko: Was die Statistik sagt
Die Datenlage ist ernst zu nehmen, auch wenn reine ADHS-Studien noch rar sind. Eine große Meta-Analyse (Bera et al., 2021) untersuchte Implantate bei Patienten mit neuropsychiatrischen Besonderheiten. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Implantat erfolgreich einheilt und langfristig hält, war bei der Kontrollgruppe ohne Diagnose mehr als doppelt so hoch.[1]
Die Gründe dafür sind nicht „Schuld“ der Patienten, sondern liegen in einer Mischung aus Biologie (Medikamente, Knochenstoffwechsel) und den typischen ADHS-Symptomen (Knirschen, Pflegeroutine).
Drei Hürden für das Implantat
1. Die Medikamente: Einfluss auf den Knochen
Viele ADHS-Betroffene nehmen Medikamente, die – was kaum jemand weiß – den Knochenstoffwechsel beeinflussen können. Ein Implantat muss fest in den Knochen einwachsen (Osseointegration). Wird dieser Prozess gestört, wackelt das Implantat oder fällt aus.
- Stimulanzien (z. B. Methylphenidat/Ritalin, Elvanse): Forschungsergebnisse der University at Buffalo (2023) deuten darauf hin, dass diese Medikamente die Knochenheilung verlangsamen und die Knochendichte temporär reduzieren können.[2][3] Da Implantate auf einen stabilen Knochen angewiesen sind, ist dies ein kritischer Faktor.
- Antidepressiva (SSRIs): Da ADHS oft gemeinsam mit Depressionen oder Angststörungen auftritt, nehmen viele Betroffene SSRIs. Diese Medikamente können die knochenbildenden Zellen (Osteoblasten) hemmen. Studien zeigen bei SSRI-Nutzern ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko für Implantatverlust.[1]
2. Bruxismus: Der Feind der Stabilität
Zähneknirschen (Bruxismus) ist bei ADHS weit verbreitet – oft als Ventil für Stress oder als Nebenwirkung der Medikation. Fast 60 % der ADHS-Patienten sind betroffen.[4]
Das Problem: Ein natürlicher Zahn hat einen „Stoßdämpfer“ (die Wurzelhaut). Ein Implantat ist jedoch starr mit dem Knochen verwachsen. Wirken durch das Knirschen enorme Kräfte auf das Implantat, kann der Knochen um die Schraube herum abgebaut werden oder die Keramik platzen.
3. Die „Pflege-Lücke“ (Compliance)
Ein Implantat verzeiht weniger als ein echter Zahn. Es benötigt penible Hygiene, sonst droht eine Entzündung am Implantat (Periimplantitis).
Hier schlägt die Exekutivfunktion zu:
- Mundhygiene wird vergessen oder im Hyperfokus vernachlässigt.
- Regelmäßige Kontrolltermine (Recall) werden verschwitzt.
- Rauchen – bei ADHS-Betroffenen statistisch häufiger – verschlechtert die Prognose zusätzlich.
Checkliste: So kann es trotzdem klappen
Wer ADHS hat und ein Implantat benötigt, sollte nicht resignieren, sondern strategisch vorgehen. Besprechen Sie folgende Punkte offen mit Ihrem Behandler:
- Ehrlichkeit beim Anamnesebogen: Geben Sie ADHS und alle Medikamente an. Fragen Sie gezielt: „Welchen Einfluss haben meine Medikamente auf die Knochenheilung?“
- Knirscherschiene ist Pflicht: Wenn Sie knirschen, brauchen Sie vor und nach der Implantation eine Schutzschiene für die Nacht, um das Implantat vor Überlastung zu schützen.[5]
- Engmaschiger Recall: Die üblichen 6 Monate Kontrolle reichen oft nicht. Vereinbaren Sie Termine alle 3 bis 4 Monate. Lassen Sie sich diese Termine gleich geben und nutzen Sie digitale Erinnerungen.
- Implantat-Alternativen prüfen: In manchen Fällen (z. B. bei sehr starkem unkontrolliertem Knirschen oder schwieriger Hygiene) kann eine klassische Brücke oder eine andere prothetische Versorgung die sicherere und stressfreiere Lösung sein.
- Nicht-Stimulanzien erwägen: Steht eine große Implantat-OP an, kann (in Rücksprache mit dem Psychiater!) überlegt werden, ob eine Anpassung der Medikation sinnvoll ist oder ob begleitend Nährstoffe für den Knochen (Vitamin D, Calcium) supplementiert werden sollten.
Fazit
Ein Zahnimplantat ist für ADHS-Patienten kein „Selbstläufer“. Das Risiko für Komplikationen ist real erhöht. Doch mit dem Wissen um die Gefahren durch Knirschen und Medikamente können Zahnärzte und Patienten gemeinsam gegensteuern. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Erkenntnis, dass ein ADHS-Patient eine intensivere Nachsorge benötigt als der Durchschnittspatient.
Quellenverzeichnis: Zahnimplantate bei ADHS
- [1] Bera et al. (2021): Osseointegrated Dental Implants in Patients with History of Neuropsychiatric Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis.
Hier zur Studie (PMC) - [2] University at Buffalo (2023): Research on Methylphenidate and Bone Healing.
Hier zum Bericht der Universität - [3] Sitzman et al. (2023): Effects of psychostimulants on bone healing in a rat model.
Hier zur Studie (PubMed) - [5] Chrcanovic et al. (Referenz zum Bruxismus): Bruxism as a risk factor for dental implant failure.
Zusammenfassung auf ZWP Online - [9] Strooker et al. (2022): Influence of psychological factors on peri-implantitis.
Hier zur Studie (Wiley Online Library)



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